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20.10.2016

 

Abschied von Rain Man - Mehr Normalität im Umgang mit Menschen mit Autismus im Beruf

Hamburg - Menschen mit Autismus haben es schwer auf dem Arbeitsmarkt. Eine gemeinsame Tagung von autismus Deutschland e.V., des Bildungsdienstleisters FAW und der Beratungs- und Inklusionsinitiative BIHA im Hamburger WÄLDERHAUS hat deutlich gemacht, dass Menschen mit Autismus sehr oft ganz normal in Betrieben mitarbeiten können. Voraussetzung dafür ist mehr Verständnis für ihre Besonderheiten. Die Veranstalter plädieren für mehr Selbstverständlichkeit im Umgang mit Menschen mit Autismus.

Trotz der Fortschritte in der Aufklärungsarbeit über Autismus ist das Thema der Öffentlichkeit immer noch zu wenig bekannt. So fasste die Vorsitzende von autismus Deutschland, Maria Kaminski, die Motivation für die Veranstaltung zu Beginn zusammen. Dies gelte ganz besonders für das Thema Arbeit. Über die Hälfte aller Menschen mit Autismus sei ohne reguläre Beschäftigung. Und das trotz ihrer "vielen Potentiale und Stärken", unterstrich Doris Wenzel O´Connor von der UV Nord - Vereinigung der Unternehmensverbände in Hamburg und Schleswig-Holstein e.V. Wie also kommen Menschen mit Autismus auf den ersten Arbeitsmarkt? Dass auf dem Weg dorthin nichts an den Unternehmen vorbeigehen darf, betonte Richard Nürnberger, Geschäftsführer der FAW. "Der inklusivste Ort für Arbeit ist immer das Unternehmen", so das "Credo" der Fortbildungsakademie der Wirtschaft.

Kernthema Kommunikation

Immer noch stark vom Thema Spitzenbegabung beherrscht wird das bis heute oft klischeehafte Bild von Menschen mit Autismus in der Öffentlichkeit, zu dem der Film "Rain Man" mit Dustin Hoffman 1988 nicht unwesentlich beigetragen hat. Auch wenn Firmen durchaus die besonderen Begabungen von Menschen mit Autismus gezielt nutzen können, ist aber das Bild vom Spitzentalent eher zweitrangig. Denn erstens betrifft diese Art der Hochbegabung nicht alle Menschen mit Autismus und zweitens sind für die erfolgreiche Integration in den Arbeitsmarkt ganz andere Faktoren bestimmend.
Als entscheidend für den erfolgreichen und nachhaltigen Schritt ins Berufsleben entpuppte sich während der Tagung "Menschen mit Autismus im Job - Perspektiven für Unternehmen" eher die Aufklärung der Firmen über die besonderen Anforderungen von Menschen mit Autismus, insbesondere in der Kommunikation, ihr "spezieller Denk- und Wahrnehmungsstil", wie es Hajo Seng (autworker eG) beschrieb. In der Regel bedürfen sie klarer, eindeutiger Arbeitsaufgaben. Zwischentöne oder gar Ironie führen oft zu Irritationen.

Gegenseitiger Lernprozess

Wenn "einige Spielregeln bekannt sind, ist alles halb so wild", so das Fazit von Dirk Müller-Remus, Vater eines Kindes mit Asperger-Syndrom, der in seiner Firma auticon GmbH viele Autisten erfolgreich beschäftigt. Sie leisten dort so gute Arbeit, dass sie ihm sogar regelmäßig abgeworben werden. Also doch Spitzentalente mit Spitzenergebnissen?

Ein "Ja, aber" prägte die von Christian Frese und Björn Hagen moderierte Podiumsdiskussion, in der Unternehmensvertreter und Mitarbeiter mit Autismus zu Wort kamen. Ja, viele Menschen mit Autismus haben besondere Talente und entwickeln besondere Leidenschaft für spezielle Aufgaben. Aber sowohl die Talente als auch die besonderen Anforderungen an Unternehmen, je nach Ausprägung der Autismus-Störung, sind sehr individuell. Und sich darauf einzulassen und voneinander zu lernen ist entscheidend, so Antje Schurau (barclaycard), die positive Auswirkung auf das ganze Team erkennt.

Bezeichnenderweise waren es die Betroffenen selbst, die dem Fazit der Tagung ihren eigenen Stempel aufdrückten. "Gut, dass alles normal ist", antwortete Johannes Rösch, ein junger Software-Entwickler bei SAP auf die Frage nach dem, was ihm an seiner Arbeit am besten gefalle. Besser hätte man denInklusionsgedanken und das Ziel der Veranstalter der Tagung nicht zusammenfassen können.

Die Präsentationen zum Herunterladen:
Dirk Müller-Remus, auticon
Hajo Seng, autworker

Die Veranstaltung wurde freundlicherweise gefördert durch die Lotterie Glücksspirale.


Fotos: Isabela Pacini | Photographie
Fotos in Vergrößerung:
Bild 1: Hajo Seng
Bild 2: Blick in den Veranstaltungsaal
Bild 3: Gruppenfoto
Bild 4: Dirk Müller-Remus, auticon GmbH
Bild 5: Richard Nürnberger, FAW

Die Veranstalter

Der Bundesverband autismus Deutschland e. V. vertritt als Selbsthilfeverband die Interessen von Menschen mit Autismus und ihrer Angehörigen. Er betreibt umfassende Aufklärung über das autistische Syndrom und die vorhandenen wissenschaftlichen Erkenntnisse, veranstaltet Kongresse und Fachtagungen und gibt Bücher sowie Broschüren heraus. Außerdem fördert er Einrichtungen und Maßnahmen, die eine wirksame Hilfe für Menschen mit Autismus bedeuten.
www.autismus.de

Die Fortbildungsakademie der Wirtschaft (FAW) gGmbH begleitet seit 30 Jahren Menschen auf ihrem Weg in eine erfolgreiche berufliche Zukunft und unterstützt Unternehmen bei der Fachkräftesicherung. Ihre Kernkompetenz ist die berufliche Rehabilitation. Die FAW betreut monatlich durchschnittlich 7000 Rehabilitandinnen und Rehabilitanden. Mit dem Betrieblichen Gesundheitsmanagement der FAW unterstützt sie Unternehmen dabei, sich professionell für die Mitarbeiter-Gesundheit einzusetzen.
www.faw-autismus.de

Die Beratungs- und Inklusionsinitiative Hamburg (BIHA) ist ein Projekt der FAW und des Integrationsamtes der Stadt Hamburg, unterstützt vom UV Nord. Seit nunmehr 15 Jahren berät BIHA Hamburger Arbeitgeber bei der Beschäftigung schwerbehinderter Menschen. Dabei legt BIHA den Fokus auf die Sichtweise und die Erfordernisse der Arbeitgeber. BIHA ist Gründer des Unternehmensnetzwerkes und Expertenforums "Runder Tisch", ca. 800 Hamburger Unternehmen gehören zu den Kunden von BIHA.
www.faw-biha.de

Ansprechpartner für Rückfragen:
Christian Frese, Geschäftsführer Autismus Deutschland e.V.
Rothenbaumchausee 15
20148 Hamburg
Tel. 040-5115604
info@autismus.de
www.autimus.de


Unten im Bild (v.l.n.r.): Björn Hagen, Geschäftsfeld Berufliche Rehabilitation FAW; Maria Kaminski, Vorsitzende des Bundesverbandes autismus Deutschland e.V.; Christian Frese, Geschäftsführer des Bundesverbandes autismus Deutschland e.V.    

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