Was kann ich tun, bis eine Diagnose erstellt wurde?

Für Eltern

Es ist absolut verständlich, dass sich die Wartezeit auf einen Diagnosetermin – die leider oft Monate oder sogar Jahre betragen kann – wie ein quälender Stillstand anfühlt. Doch die Förderung Ihres Kindes beginnt nicht erst mit einem Stempel auf einem Papier. Diagnosen sind wichtig für bürokratische Hürden und spezifische Unterstützungsleistungen, aber pädagogische und emotionale Begleitung orientiert sich am Bedarf, nicht am ICD-10 Code (sprich an dem Namen der Behinderung). 

Hier sind konkrete Schritte, die Sie jetzt unternehmen können: 

 

1. Den Fokus von "Warum" auf "Wie" verlagern 

Warten Sie nicht darauf, dass Ihnen jemand bestätigt, warum Ihr Kind bestimmte Verhaltensweisen zeigt. Beobachten Sie stattdessen, wie Ihr Kind die Welt wahrnimmt. 

  • Sensorisches Profil erstellen: Wo ist mein Kind über- oder unterempfindlich? Helfen Kopfhörer gegen Lärm? Braucht es feste Umarmungen (Tiefendruck) zur Beruhigung? 

  • Reizreduktion: Gestalten Sie die Umgebung "reizarm". Weniger Spielzeug im direkten Sichtfeld und klare Strukturen im Kinderzimmer nehmen den Stress. 

  • Pausen im Alltag: Die Erwartung, die Eltern an sich stellen, sind oft hoch. Sie möchten Ihr Kind optimal fördern z.B. durch Hobbies, Spielverabredungen und Ausflüge. Beobachten Sie, wie und wo Ihr Kind wieder Energie bekommt. Ist es bei Ausflügen der Fall oder eher bei einer ruhigen Beschäftigung zuhause, in der Natur oder bei Tieren? 

  • Feste Ruhezeiten: Nicht nur autistische Kinder können von frühen und langen Betreuungszeiten in der KiTa oder dem Ganztagsunterricht gestresst sein. Prüfen Sie, wie lange Ihr Kind in der KiTa oder in schulischen Nachmittagsangeboten verbleiben kann, ohne dabei überfordert zu werden. Bauen Sie feste Ruhezeiten zwischen Betreuungs- und Förderangeboten ein. 

 

 2. Kommunikation visualisieren 

Viele autistische Kinder verarbeiten visuelle Informationen deutlich besser als gesprochene Sprache. "In fünf Minuten gehen wir" ist abstrakt; ein Bild oder ein Timer sind dagegen konkreter. 

  • Visualisierung: Nutzen Sie Bildkarten (PECS-Symbole oder Fotos), um den Tagesablauf darzustellen. Das gibt Sicherheit und reduziert die Angst vor Übergängen oder einer neuen Tätigkeit. 

  • Strukturierung: Strukturieren Sie den Tag optisch sichtbar und berechenbar für das Kind, z.B. mit einem Tages- oder Wochenplan. 

  • Umgang mit Veränderungen: Versuchen Sie, den Alltag so berechenbar wie möglich für das Kind zu machen und reduzieren Sie Veränderungen bzw. kündigen Sie diese an und begleiten Sie diese.  

  • Verhaltenspläne: Visuelle Pläne, die aufzeigen, welches Verhalten von Ihrem Kind erwartet wird, können eine gute Erinnerungsstütze sein (z.B. eine Bildkarte für „Ich bin leise“) 

  • Alltagspläne: Neurodivergente Kinder haben oft Schwierigkeiten damit, Alltagshandlungen auszuführen, ohne sich ablenken zu lassen. Visuelle Pläne mit einzelnen Handlungsschritten können Ihrem Kind dabei helfen, eine Alltagshandlung auszuführen. 

  • Now-Next-Board: Ein einfaches Board mit zwei Feldern: "Zuerst Zähneputzen" – "Dann Geschichte vorlesen". Das hilft bei der Impulskontrolle. 

  • Dolmetscher: Ihr Kind wird das Verhalten anderer Menschen nicht verstehen und andere Menschen verstehen ggf. die Kommunikationsmuster Ihres Kindes nicht. Seien Sie Dolmetscher für beide Seiten, auch wenn das sicherlich nicht immer einfach ist. 

  • Unterstützte Kommunikation: Nutzen Sie Methoden der Unterstützten Kommunikation, falls Ihr Kind Probleme hat, sich verbal mitzuteilen. 

 

3. "Nischen" und Stärken nutzen 

Autismus wird oft defizitorientiert betrachtet. Nutzen Sie die Wartezeit, um die Spezialinteressen Ihres Kindes zu fördern. Diese Interessen sind keine Zeitverschwendung, sondern: 

  • Ein Werkzeug zur Stressregulation. 

  • Eine Brücke zur Kommunikation mit Ihnen. 

  • Ein Ankerpunkt für das Selbstwertgefühl. 

 

4. Unterstützung im bestehenden System suchen 

Sie müssen nicht auf die KJP (Kinder- und Jugendpsychiatrie) warten, um erste Hilfen zu aktivieren: 

  • Frühförderstellen: In vielen Bundesländern leisten Frühförderstellen (bis zum Schuleintritt) auch ohne finale Diagnose Beratung und erste therapeutische Ansätze. 

  • Kinderärzt:in: Sprechen Sie über Rezepte für Ergotherapie (Schwerpunkt sensorische Integration) oder Logopädie, eine Verhaltenstherapie oder ein Soziales Kompetenztraining. Diese Therapien setzen am Symptom an, nicht an der Diagnose. 

  • Pflegegrad beantragen: Ein Pflegegrad kann oft schon bei Vorliegen von Entwicklungsverzögerungen und hohem Betreuungsaufwand beantragt werden, auch wenn die finale Autismus-Diagnose noch aussteht. 

  • Integrationsplatz KiTa/Sonderpädagogischer Förderschwerpunkt Schule: Sprechen Sie offen mit der KiTa oder der Schule über den Bedarf und einen möglichen Betreuungsaufwand Ihres Kindes.  

 

Die Zeit vor der Diagnose ist oft geprägt von Selbstzweifeln und Erschöpfung. Suchen Sie sich Selbsthilfegruppen (auch online). Der Austausch mit Menschen, die nicht erklären müssen, warum der Supermarktbesuch gerade ein Kraftakt war, ist Gold wert.