Wie finde ich die richtige Diagnostikstelle?

Für Eltern

Ansprechpartner im Kindes- und Jugendalter ist in der Regel der Kinderarzt bzw. die Kinderärztin, der/die dann an spezialisierte Stellen weiterleitet (s.u.). Die Wartezeiten für eine spezialisierte Diagnostik sind aktuell sehr lang (6 bis 18 Monate sind keine Seltenheit). Daher benötigen Sie leider viel Geduld und Hartnäckigkeit. 

 

Diagnostik im Kindesalter

Hier sind die drei primären Anlaufstellen für eine fundierte medizinische Diagnostik in Deutschland: 

 

1. Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP) 

Dies ist oft der schnellste und direkteste Weg. Ein KJP ist darauf spezialisiert, psychische und entwicklungsbedingte Besonderheiten abzuklären. 

  • Vorteil: Meist etwas kürzere Wartezeiten als in großen Zentren; spezialisierte Praxen führen die Goldstandard-Tests (ADOS-2 und ADI-R) routiniert durch. 

  • Ablauf: Sie benötigen in der Regel nur die Versichertenkarte des Kindes (eine Überweisung vom Kinderarzt ist aber immer hilfreich). 

 

2. Sozialpädiatrische Zentren (SPZ) 

Ein SPZ ist eine interdisziplinäre Einrichtung, die meist an Kinderkliniken angegliedert ist. 

  • Vorteil: Hier arbeiten Kinderärzt:innen, Psycholog:innen, Logopäd:innen und Ergotherapeut:innen unter einem Dach. Das ist besonders sinnvoll, wenn das Kind auch motorische oder sprachliche Verzögerungen zeigt. 

  • Voraussetzung: Sie benötigen zwingend eine Überweisung Ihres Kinderarztes. 

 

3. Autismus-Therapie-Zentren (ATZ) & Spezialambulanzen 

Viele Universitätskliniken haben spezialisierte "Autismus-Ambulanzen". 

  • Vorteil: Höchste Expertise, oft auch für komplexe Fälle oder Mädchen (die häufiger maskieren und schwerer zu diagnostizieren sind). 

  • Hinweis: Die Wartelisten sind hier oft am längsten. Manche ATZs bieten Diagnostik nur für Selbstzahler an oder haben Kooperationen mit Krankenkassen – das sollten Sie vorab klären. 

 

Diagnostikstellen im Erwachsenenalter 

Während die Diagnostik bei Kindern meist über die Pädiatrie oder die Kinder- und Jugendpsychiatrie läuft, ist der Weg für Erwachsene steiniger und erfordert leider etwas mehr Geduld und Eigeninitiative. 

Da Autismus eine neurologische Entwicklungsstörung ist, fällt die Diagnose in den medizinischen Bereich der Psychiatrie oder klinischen Psychologie. 

Hier sind die primären Anlaufstellen für Erwachsene: 

 

1. Spezialambulanzen an Universitätskliniken 

Dies ist der "Goldstandard". Viele Unikliniken in Deutschland haben spezialisierte Autismus-Ambulanzen für das Erwachsenenalter. 

  • Vorteil: Hohe Expertise, Anwendung standardisierter Testverfahren (wie ADOS-2 und ADI-R), die auf Erwachsene angepasst sind. 

  • Nachteil: Oft sehr lange Wartelisten (1–2 Jahre sind leider keine Seltenheit). 

  • Vorgehen: Suchen Sie im Internet nach "Autismus Spezialambulanz Erwachsene + [Ihre Stadt/Region]". 

 

2. Niedergelassene Fachärzt:innen und Psychotherapeut:innen

Einige niedergelassene Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie oder Psychologische Psychotherapeut:innen haben sich auf Autismus im Erwachsenenalter spezialisiert. 

Wichtig: Fragen Sie explizit nach, ob Erfahrungen mit der Diagnostik von hochfunktionalem Autismus oder dem (ehemals so genannten) Asperger-Syndrom vorliegen. Einige Therapeut:innen sind vielleicht eher auf Depressionen oder Angststörungen spezialisiert und übersehen die autistische Komponente. 

 

3. Autismus-Therapiezentren (ATZ) 

Obwohl ATZs primär therapieren, bieten einige auch Diagnostik an oder arbeiten eng mit diagnostizierenden Ärzt:innen zusammen. Sie sind zudem eine großartige Anlaufstelle für eine erste Beratung, um das weitere Vorgehen zu planen. 

 

4. Selbsthilfeverbände 

Suchen Sie nach Regional- und Selbsthilfeverbänden in Ihrer Region bzw. online und fragen Sie dort nach möglichen Diagnostikstellen. 

 

Tipps: 

  • Rufen Sie nicht nur eine Stelle an. Lassen Sie sich bei 2–3 Stellen auf die Warteliste setzen. Absagen kann man später immer noch. 

  • Erstellen Sie eine Liste mit konkreten Beobachtungen und sammeln Sie Berichte von Therapeut:innen (Diagnose-Tagebuch) für das Gespräch mit dem/der Kinderärzt:in. 

  • Wenn der Leidensdruck extrem hoch ist (z. B. drohender Schulabbruch oder starke Selbstgefährdung), betonen Sie dies am Telefon deutlich. 

 

Aufgrund der Tatsache, dass die Wartelisten teilweise geschlossen sind, bzw. die Einzugsgebiete regional begrenzt wurden, kann die Geschäftsstelle von autismus Deutschland e.V derzeit bedauerlicherweise keine weiterführenden konkreten Empfehlungen für Adressen zur Autismus-Diagnostik benennen. Uns ist bewusst, dass diese Situation derzeit aus vielerlei Perspektiven nicht zufriedenstellend ist. Wir hoffen in Zusammenarbeit mit verschiedenen Fachleuten demnächst eine aktuelle Information herausgeben zu können. 

Auch wenn die „Verlockung“ sicherlich groß ist, auf Selbstkostenbasis eine Diagnostik im Ausland oder per Videochat digital durchführen zu lassen, so raten wir Ihnen dringend davon ab. Angebote auf Selbstzahlerbasis von nicht anerkannten Diagnostikstellen oder Diagnosen aus dem Ausland werden zunehmend nicht mehr offiziell anerkannt. Ist dies der Fall, erhalten Sie keine Unterstützungsleistungen.  

Da die Diagnostik im Bereich Autismus bzw. Neurodivergenz ausschließlich auf einer Verhaltensbeobachtung und Erfahrungsberichten beruht, ist die Einschätzung sehr schwer und es ist wichtig, diese in fundierten Händen zu wissen. Denn letztendlich ist wichtig, dass Ihr Kind die richtige Diagnose und damit die passende Unterstützung erhält. 

 

S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, Teil 1: Diagnostik 

Die Leitlinie der AWMF (Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlich medizinischen Fachgesellschaften e.V.) fasst den internationalen Forschungsstand zur Autismus-Diagnostik zusammen und leitet daraus Empfehlungen ab. autismus Deutschland e.V. war an der Erstellung beteiligt.