Autismus und Suchterkrankungen

Autismus und Suchterkrankungen

Die Forschungslage ist nicht eindeutig. Es gibt erhebliche Debatten über den Substanzkonsum autistischer Jugendlicher und Erwachsener: Manche Studien deuten darauf hin, dass Autist:innen seltener Substanzen konsumieren, während andere auf ein erhöhtes Risiko für Missbrauch und Abhängigkeit hinweisen.

 

Mögliche Motive für Konsum und Substanzmissbrauch

Die Motivation zum Substanzkonsum kann vielfältig sein:

Unter denjenigen, die Angaben zu ihren Motiven machten, waren autistische Personen fast neunmal häufiger als nicht-autistische darauf aus, Drogen zur Verhaltensregulation einzusetzen – etwa um sensorische Überlastung zu reduzieren, Stimming zu kontrollieren oder die allgemeine Funktionsfähigkeit zu verbessern.

Autistische Jugendliche und Erwachsene waren außerdem mehr als dreimal häufiger als andere bereit, Substanzen einzusetzen, um psychische Symptome wie Angst, Depression und Suizidgedanken zu bewältigen.

Eine weitere Motivation unter Jugendlichen kann sein, den Konsum im Sinne des Zugehörigkeitsgefühls zu, bzw. Druck durch Peers zu begehen.

Auch als soziales Schmiermittel kann Konsum eingesetzt werden, in Deutschland insbesondere durch Alkohol. Dieser wirkt enthemmend und angstlösend, was sich zunächst auf die Herausforderungen im Beriech Kommunikation und Interaktion bei Autismus auswirken kann. Hier besteht eine hohe Suchtgefahr mit allen negativen Konsequenzen.

 

 

Masking/Camouflaging als Risikofaktor

Für einige Autist:innen hat der Substanzkonsum eine funktionale Dimension – er ermöglicht es, soziale Räume zu betreten, die sonst kaum erträglich wären, oder den inneren Stress des Gefühls, nicht dazuzugehören, zu dämpfen. Alkohol wird z.B. eingesetzt, um in lauten, unvorhersehbaren oder emotional belastenden Umgebungen mehr „Gelassenheit“ zu bekommen, Cannabis kann helfen, sensorische Überwältigung zu reduzieren. Mit der Zeit kann dieser funktionale Konsum zur Gewohnheit werden, besonders wenn keine sichereren Bewältigungsstrategien verfügbar sind.

Camouflaging kann zwar positive Folgen haben (z. B. Arbeit behalten, Mobbing vermeiden, Freundschaften schließen), jedoch berichten autistische Erwachsene auch zahlreiche negative Konsequenzen. Das Auftreten auf nicht-authentische Weise ist erschöpfend und hat negative Auswirkungen auf das Selbstbild. Mehr Camouflaging kann zudem mit mehr psychischen Schwierigkeiten verbunden sein, wie Angst, Depression oder Suizidgedanken.

 

 

 

Besondere Herausforderungen bei Diagnostik und Behandlung

  • Späte Diagnose: Menschen, die keine angemessene Hilfe erhalten oder deren Schwierigkeiten von ihrem Umfeld abgetan werden, können Substanzen nutzen, um damit umzugehen.
  • Komorbidität: Bei Autismus sind Komorbiditäten wie Depressionen oder Angststörungen sehr häufig. Auch chronische Erschöpfung kann auftreten, insbesondere durch dauerhafte Anpassungsleistungen. Soziale Missverständnisse können zusätzlich zu Rückzug und Isolation führen. Dies kann Substanzgebrauch und -missbrauch begünstigen.
  • Suizidrisiko: Das Identifizieren neuer wirksamer Unterstützungsformen ist dringend, angesichts der komplexen Wechselwirkungen zwischen Substanzkonsum, psychischer Gesundheit und Verhaltensmanagement – insbesondere da Camouflaging- und Kompensationsverhalten mit einem erhöhten Suizidrisiko bei autistischen Personen verbunden sind.

 

Fazit für die Praxis

Es wird deutlich, dass Suchtbehandlung bei Autist:innen die spezifischen Motivlagen (Selbstmedikation, soziale Überforderung, sensorische Regulation) kennen und adressieren muss. Standardisierte Suchttherapieprogramme sind oft nicht auf die Bedürfnisse dieser Gruppe ausgerichtet. Es braucht weitere Forschung, um Diagnostik und Therapie noch besser auf die individuellen Bedarfe von Autist:innen abzustimmen.

 

Zusätzlich sollte, nicht nur mit dem Blick auf Suchterkrankungen, der Aufbau von sicheren Bewältigungsstrategien und insgesamt adaptiven Fähigkeiten im Rahmen der therapeutischen Begleitung beachtet werden, da hier wichtige präventive Aspekte genutzt werden können.

 

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Zur Vertiefung ist der Podcast mit Frau PD Dr. Mandy Roy von der Asklepios Klinik Hamburg-Ochsenzoll interessant

Zusätzlich dieser Podcast beim ORF